Das Augenlicht verloren, den Lebensmut nicht
Hilfe am Blindentelefon finden Betroffene einen
Ansprechpartner - Verein kann in vieler Hinsicht unterstützen.
von unserer Redakteurin Doris Schneider
Bendorf/Koblenz
Wenn Gabriele Geißler-Stahl rasch durch ihre Wohnung geht, käme kein Mensch auf die
Idee, dass die 63-Jährige fast nichts mehr sieht. Nur Schemen "Ich sehe, dass Sie Schulterlange
Haare haben und eine dunkle Bluse tragen"; sagt sie. Mehr nicht. Kein Gesicht. Keinen Eimer,
der im Weg steht. Keine Wurst in der Supermarkttheke.
Als die Geschäftsfrau, die einen eigenen Werbeverlag hatte, im Jahr 2003 die Diagnose
Makuladegeneration bekam, da brach für sie eine Welt zusammen. Zumal die Medikamente lange noch
nicht so gut waren wie heute und es kaum Hoffnung auf Stillstand, erst recht keine Hoffnung auf
Heilung gab. Sollte sie plötzlich kein Auto mehr fahren können, wo sie doch sonst 80.000 km im
Jahr "runterschrubbte"!; keine Kundengespräche mehr führen, nur noch zu Hause sitzen? "Im ersten
Sommer habe ich nur Hörbücher gehört und Teppiche geknüpft, die ich nicht brauche. Vor allem nicht
nachdenken. Ich hatte Angst vor dem Nachdenken."
Tatsächlich ist es rückblickend für die Bendorferin ein Schritt zurück ins Leben, als sie die
Nummer des Blinden- und Sehbehindertenvereins wählt. Denn erstmals spürt sie, dass sie nicht alleine
ist, kann sich mit anderen austauschen. Und bekommt auch jedemenge hilfreicher Tipps, wie man
mit dem Rest Sehfähigkeit, den sie hat, am besten im Alltag zurechtkommt.
Mit einem digitalen Lesegerät, dass ihr die Zubereitungsart der Tütensuppe immens vergrößert,
zum Beispiel. Mit einer sprechenden Uhr. Mit Medikamenten, die die Augenerkrankung wenigstens
zu Stillstand bringen. Mit einem "Einkaufsfuchs", der den Barcode am Produkt abliest und sagt,
was es ist. Mit dem weißen Stock, den sie braucht, wenn sie rausgeht. "Am Anfang wollte ich mich
nur verkriechen. Aber das ist grundverkehrt. Man muss raus." Auch, wenn statt der Gesichter nur
dunkle Flecken zu sehen sind. Auch, wenn manche denken sie wäre arrogant, weil sie nicht grüßt.
"Man muss mich ansprechen und mir sagen, wer man ist, anders kann ich es nicht wissen."
Ihr Mann Peter nickt bestätigend. "Am Anfang ist das ein Schock", sagt er nachdenklich. "Aber was
hilft es, man muss das Beste daraus machen." Dazu gehört auch, dass die Bendorferin den Haushalt
weitgehend selbst macht, sich um ihre Katze kümmert, das Haus liebevoll dekoriert, zur Buga geht,
eine Fernseher an einem langen Arm gekauft hat, den sie sich genau vor die Augen drehen kann
und so auch mal fernsehen kann. "Man muss ja was zu tun haben, kann ja nicht im Bett liegen als
wäre man krank." Allerdings denken manche, wenn man blind ist, ist man auch blöd, diese Erfahrung
hat sie leider ein paar Mal gemacht.
Sehr hilfreich sind die regelmäßigen Treffen im Verein. Der Stammtisch jeden Monat in Koblenz,
aber auch der wöchtliche Kaffeeklatsch in Bendorf. "Die Maulwurfgruppe nennen wir uns", sagt
Gabriele Geißler-Stahl und lacht. Seit einem halben Jahr hat sie den Vorsitz im Blinden- und
Sehbehindertenverein Koblenz und Umgebung übernommen, nachdem sie ein paar Jahre lang als
Beisitzerin aktiv war. "Anderen zu helfen, das hilft einem selbst."

Am Blindentelefon kann man die Vorsitzende des Vereins, Gabriele Geißler-Stahl, fast
immer erreichen. Wenn sie mit einem dicken Stift ganz groß schreibt, kann sie es noch
selbst lesen. (Foto Annette Hoppen)
"Am Anfang ist das ein furchtbarer Schock, wenn man hört, man wird blind. Aber man lernt,
damit zu leben, und die Kontakte im Verein helfen enorm."
Gabriele Geißler-Stahl hat vor acht Jahren, die Diagnose Makuladegeneration bekommen und
sieht nur noch auf einem Auge Schemen.
Verein besteht seit 1928
Der Blinden- und Sehbehindertenverein Koblenz und Umgebung ist am 11. August 1928 gegründet
worden - von dem blinden Klavierstimmer Josef Nix, wie es in der Cronik heißt. Zunächst hatte
er 11 Mitglieder. Deren Zahl wuchs auf mehr als 250 Ende der 70er-Jahre an. Heute sind es etwa 140.
Schon seit 1973 gibt es den monatlichen Stammtisch, der sich am ersten Samstag im Monat ab
etwa 14/14.30 Uhr tifft. Der Stammtisch zieht ab November vom Cafe Rheinanlagen in die
Königsbacher Brauerei um. Der Verein versteht sich als Kontakt - und Informationsmedium für
die Blinden und Sehbehinderten rund um Koblenz. Man kann persönliche Geschichten austauschen,
aber auch Infos zu Hilfsmöglichkeiten oder Finanzierungen bekommen und über Erfahrungen im
Umgang mit Ärzten und Krankenkassen berichten. Ein Anwalt berät die Blinden und Sehbehinderten
in allen Fragen, die etwa Kostenübernahme oder Blindengeld angehen, kostenfrei.
Das Blindentelefon ist fast immer besetzt, weil es auf die Vereinsvorsitzende Gabriele Geißler-Stahl
umgeleitet ist.
Wenn sie nicht da ist, ruft sie zurück: Telefon 0261 / 922 25 06.
Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung Koblenz
www.rhein-zeitung.de